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Hans Müller *1924 †2018


Portrait (VDGN 3/2012)

Hans Müller zum Nachruf aus den VDGN 02/2018

Die Gründung der „VdG“ aus meiner Sicht

Freitag, den 31.03.1939 wurde ich aus der achten Klasse der katholischen Volksschule in Köln-Dünnwald entlassen. Anderntags, am 01.04.1939, trat ich in der Laborschule der I.G. Farbenindustrie AG (Bayer Leverkusen) meine Arbeitsstelle an. In dieser Schule wurden „Chemie-, Labor-, Jungwerker“, so nannte man uns damals, auf die Arbeit im Labor vorbereitet. Nach zwei Monaten wurden die Schüler in die einzelnen Laboratorien versetzt. Ich kam mit anderen ins wissenschaftliche Hauptlabor. Es gab viel Neues und alles war sehr interessant.


Nach einem Jahr wurde in der Glasbläserei des Labors eine Lehrstelle frei. Der Meister fragte, ob ich Lust hätte, Glasbläser zu werden. Ich wollte, mein Vater auch. Es gab zwar als Lehrling weniger Lohn als im Labor, aber man versprach, mich bei guter Führung mit 21 Jahren ins Angestelltenverhältnis zu übernehmen. Als Glasbläserlehrling gab es im ersten Lehrjahr elf Pfennige Stundenlohn, im zweiten 13 und im dritten 17 Pfennige Stundenlohn.

Im September 1942 habe ich mit drei weiteren Kollegen nach nur zweieinhalbjähriger Lehre die Facharbeiter-/ Gesellenprüfung abgelegt. Ich habe als Bester ein Buch von der Handelskammer geschenkt bekommen und wurde namentlich in der Zeitung erwähnt. Der erste Gesellenlohn war 55 Pfennige pro Stunde und 4 Pfennige Qualitäts- und Funktionszulage. 

Am 04.11.1942 erfolgte die Einberufung zur deutschen Wehrmacht. Nach Kriegsende ab 28.06.1945 habe ich wieder Glas geblasen bei „Bayer“ und 1952 bei der Handwerkskammer Köln meine Meisterprüfung abgelegt.

1956 bekam ich eine eigene Werkstatt bei Bayer und habe insgesamt zwei Lehrlinge ausgebildet. Mit der Zeit erfuhr ich, wie auch mehrere Berufskollegen, von Fachzeitschriften, die es in anderen Ländern gab. Zum Beispiel in Großbritannien, Amerika, den Niederlanden usw.. Mein Lehrmeister bekam vor dem Krieg die 
damalige Zeitschrift „Glas und Apparat“. Nach Kriegsende gab es diese nicht mehr. Die Niederländische „Stichting Glastechniek“ gab jedes Quartal ein Heft heraus, das sich „Mededelingen“ nannte. Dies war für mich sehr interessant, weil auch über stattgefundene und zukünftige Veranstaltungen geschrieben wurde. An mehreren solcher Tagungen in den Niederlanden habe ich damals mit großem Interesse teilgenommen. Bei einer solchen Veranstaltung der Technischen Hochschule zu Eindhoven hatte ich den Meisterkollegen Karl Riwoldt mit begeistert. Auch einige deutsche Hersteller stellten dort mit aus. Am Stand der „Witec“ sprach ich Herrn Antlinger an und sagte, dass das kleine Holland uns vormachte, wie es zu machen wäre. Herr Antlinger sagte begeistert: „ Herr Müller, das soll anders werden.“. Nach etwa einer Woche bekam ich von einem Dipl.-Ing. Schaudel aus Wertheim einen Brief mit der Bitte, ihm Adressen von Glasbläsern mitzuteilen. Wir hatten hier in unserer Gegend verschiedentlich lustige Treffen mit Musik und Tanz veranstaltet und das gefiel den Kollegen. Also habe ich Herrn Schaudel ca. 85 Adressen zugesandt.

Im Januar 1972 fanden daraufhin die sogenannten „Wertheimer Glastage“ statt. So etwas hatte es noch nie bei uns gegeben und ich glaube, es war ein voller Erfolg, nicht nur für Wertheim. Berufskollegen aus der gesamten Bundesrepublik sahen sich hier und lernten sich kennen.

Am 20.01.1972 beim Frühstück spricht mich der Kollege Heinz Richter an und fragt mich, ob ich auch eine Einladung zum Abend im „Bronnbacher Hof“ bekommen hätte. Dort soll eine Glasbläser-Vereinigung gegründet werden. Die Adressen haben sie gerne genommen, aber warum einladen? Auf die Schnelle habe ich mir ein paar Stichworte notiert. Wir waren 42 oder 45 Kollegen, alle, wie das bei uns so üblich ist, Individualisten. Jeder hatte seine eigene Meinung. Nachher war es so weit, dass man bis zu den nächsten „Wertheimer Glastagen“ in voraussichtlich zwei Jahren die Gründung der Vereinigung verschieben wollte. 


Da habe ich mich zu Wort gemeldet und habe gesagt: „ Wenn wir uns nicht hier und heute dazu entschließen, die Vereinigung zu gründen, dann gibt es wohl nie etwas.“. Im Nachhinein wissen wir, dass es richtig war. „Wertheimer Glastage“ haben nie wieder stattgefunden. Die Versammlung war sich plötzlich einig, alle Teilnehmer waren Gründungsmitglieder. Herr Fabig wurde 1. Vorsitzender, ich 2. Vorsitzender. Es musste eine Satzung verfasst werden, der Verein musste einen Namen haben und beim Amtsgericht Wertheim eingetragen werden. Herr Fabig und ich haben unterschrieben. Die offizielle Bezeichnung lautete „Vereinigung deutscher Glasbläser e.V.“. Erst durch die „Wertheimer Glastage“ haben sich viele Berufskollegen kennengelernt, es entwickelten sich mit der Zeit regelrechte Freundschaften. Zum Beispiel mit Herrn Wilhelm Dagutat und seinen Mitarbeitern von Philips Aachen sowie auch mit Herrn Heinrich Kremer und Herrn Schweizer, beide aus der Kernforschung Jülich, mit Kollegen. Man lud sich gegenseitig ein zum Gedankenaustausch, einer konnte vom anderen lernen. Im Sommer 1972 bekamen wir eine Einladung zur Tagung der niederländischen Kollegen in Utrecht. Herr Schaudel hatte dies vermittelt. Die Herren Schaudel und Fabig saßen schon im Zug und ich stieg in Köln Hbf zu. Dies war das erste offizielle Treffen unserer Vereinigung mit den Berufskollegen des Nachbarlandes. Hier wurde uns auch Mr. Ron Mason vorgestellt von der BSSG. Es war von Anfang an eine freundliche Begegnung. Mr. Mason lud uns ein, im September 1972 am Symposium der BSSG in South Hampton teilzunehmen. Herr Schaudel und ich folgten dieser Einladung. Glasbläser aus aller Welt trafen sich dort und alle waren nett und freundlich. Wenn das keine Völkerverständigung war, was war es sonst? Unter Berufskollegen klappt es manchmal besser als in der Politik. Fünf Jahre lang bin ich jedes Jahr nach England geflogen, um an diesem Symposium teilzunehmen. Herr Ron Harwey war stets ein guter Freund. Er hat mich in seinem Hause mitunter aufgenommen und wenn er in Deutschland war, wohnte er bei mir.

1974 musste laut Satzung der Vorstand neu gewählt werden. Die Wahl fand in Wertheim-Mondfeld statt. Mit einer Stimme Mehrheit, nicht mit meiner Stimme, wurde ich zum 1. Vorsitzenden gewählt. So hatte ich das nicht gedacht, ich hatte für Herrn Fabig gestimmt. Aber die Versammlung war der Ansicht: „Wir haben dich gewählt, nun bist du an der Reihe.“. Herr Schaudel hatte bisher den Mitgliedern der Vereinigung das von seinem Institut herausgegebene Heft kostenlos zugesandt. Um die Unkosten hierfür zu senken, schlug er vor, den Mitgliederjahresbeitrag von 35 DM auf 70 DM zu erhöhen. Das kam bei den Kollegen nicht gut an. Wir gaben ab 1975 eine eigene „VdG-Nachrichten“-Ausgabe heraus. Keiner von uns hatte je so etwas gemacht. Herr Schaudel meinte: „Na gut, schmeißen wir das Kind ins Wasser, dann stellt sich ja heraus, ob es schwimmen kann.“. Herr Kramer, damals Geschäftsleiter bei der Firma Herbert Mietke, war uns dabei sehr behilflich. Leider ist er bereits Anfang seiner 30er Jahre allzu früh verstorben. Aus Sparsamkeitsgründen hatte unsere Ausgabe nur eine Größe von „DIN A5“. Bevor es zu dem Heft „VdG-Nachrichten“ kam, habe ich mehrere lose Blattausgaben herausgegeben, mit der Maschine geschrieben und kopiert. Durch unser gutes Nachbarschaftsverhältnis mit den Niederländern habe ich dort an vielen Veranstaltungen teilgenommen. Umgekehrt haben wir die Kollegen von dort auch zu uns zu Bayer Leverkusen eingeladen. Einer Bustour zeigten wir unsere Glasbläsereien und die Quarzbläserei. Über die Führung durch den japanischen Garten staunten die Kollegen, dass es inmitten all der Chemie auch so etwas Schönes zu sehen gab. Vom 29. Stockwerk des Verwaltungs-Bayer-Hochhauses hatte man eine Aussicht auf die gesamte Umgebung. Zum Beispiel ins Bergische Land oder das Siebengebirge. Umgekehrt hat ein Herr Kaarsmaker bei uns einen sehr interessanten Vortrag über Glas-Metall-Verbindungen gehalten, welcher von unseren Kollegen mit sehr viel Beifall aufgenommen wurde.

Während meiner Zeit als 1. Vorsitzender der VdG habe ich jedes Jahr auch beim Berufswettkampf der deutschen Handwerksjugend als Prüfer der Gesellenarbeiten der Glasbläser teilgenommen. Dies fand jedes Jahr an einem anderen Ort statt, zum Beispiel in Koblenz, Trier, Lüneburg und Hildesheim.

Leider bekam ich in den 1970er Jahren einen sehr schmerzhaften Bandscheibenvorfall. Insgesamt ging ich acht Jahre mit Stützkorsett und Krücken. Als VdG-Vorsitzender muss man beweglich sein. Dies war durch die Krankheit jedoch nicht mehr gegeben, so dass ich bei den Wahlen nicht mehr kandidiert habe. Durch Fernkurse habe ich zwischenzeitlich den Beruf des Heilpraktikers erlernt und 1979 beim Gesundheitsamt Köln meine Amtsarztprüfung abgelegt. In Mainz in der Rheingoldhalle hat ein Heilpraktikerkollege es geschafft, mich einzurenken. 

Allen, die geholfen haben, den VdG aufzubauen und zu festigen und die „VdG-Nachrichten“ auf den heutigen Stand gebracht haben, sage ich hiermit meinen herzlichen Dank, „Weiter so!“.