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VDG-Nachrichten 02/2020

 

 

 

 

 

 

 

Technische Apparatekunst

Bernd Weinmayer ; Foto: Dietmar Lustig

Sie sind selten, Glasapparatebauer, die mit Kunst und Technik gleichermaßen Sicherheit im Beruf erreicht haben. Bernd Weinmayer aus Tirol hat es erreicht. Der gelernte Glasapparatebauer berichtet, wie er vor rund 30 Jahren, von klaren Vorstellungen geführt, seinen steinigen und abenteuerlichen Weg in die Selbständigkeit einschlug und von der Feststellung, dass Corona nicht unbedingt Untergang bedeuten muss. Es ist ihm sehr wichtig, mit seinem Bericht junge Glasbläser und Firmeninhaber zu motivieren. Gerade jetzt, in einer Zeit, die vielen kleinen Unternehmen den Atem raubt. Individualität, Kreativität, Neugierde und gesunde Unbequemlichkeit sind in der Lage vieles zu überdauern.

Die Redaktion fragte bei mir an, ob ich nicht einen Bericht über meine Glasarbeit für die VDG-Nachrichten schreiben möchte. Nun, schnell ist eigentlich nicht meine Leidenschaft, aber in Kalenderwoche 3 der Corona-Vollquarantäne in Tirol erschien mir dies als gute Gelegenheit etwas über meinen beruflichen Werdegang, mit vielleicht dem einen oder anderen Tipp zur Überlebensstrategie niederzuschreiben. Es ist für mich nicht ganz einfach einen Text über mich selbst zu schreiben, da ich als Mensch durchaus viele Schwächen habe, aber mein Berufsstolz und das damit verbundene Selbstvertrauen nicht gerade gering sind. Vielleicht könnte genau diese Kombination überheblich wirken. Andererseits kann ich mir vorstellen, dass gerade junge, angehende Glasbläser meinen eher untypischen Berufsweg als mögliche Zukunftschance sehen und eventuell  dem manchmal steinigen, dafür spannenden Entstehen einer eigenen Firma den Vorzug geben.

 

Warum wurde ich Glasbläser?

1988 schloss ich die Mittlere Reife an der Wirtschaftsschule in Bad Aibling bei Rosenheim ab und war danach absolut überzeugt, keinen Wirtschaftsberuf erlernen zu wollen. Zu enger Berufskontakt mit Menschen war nicht meins und ein Bürojob ebenfalls undenkbar. Mangels Alternativen entschied ich mich für den Beruf des Gärtners. Kurz vor Arbeitsantritt entdeckte meine Mutter in 20km Entfernung zu unserem Wochenendhaus in Mariastein/Tirol, die einzige Glasfachschule in Österreich. Sie konnte mich zu einer Besichtigung überreden. Auch hier, bei mir eher zurückhaltende Begeisterung! In der Schleiferei war es laut, in der Glasmalerei stanken die Lösungsmittel vor sich hin und Schüler, wie auch das Lehrpersonal waren derart beschäftigt, dass ich mich wie Luft fühlte. Auf dem Weg zurück zum Parkplatz kamen wir noch an der Türe der Glasbläserei vorbei. Das war schon gleich gar nichts für mich! Denn als Glasbläser hat man angeblich keine hohe Lebenserwartung und früh sterben wollte ich ja auch nicht. Vor der Werkstatttüre im Freien stand ein älterer Herr, der mich sofort ansprach. Es war der Werkstattleiter der Apparate-Glasbläserei. Ohne lange zu zögern präsentierte er mir sein Reich. Es wirkte auf mich wie ein überdimensionales Labor mit einer großen Kaffeemaschine im Zentrum und darin befanden sich ca. 10 Schüler, die ganz entspannt um dieses Zentrum standen. Alle wirkten anhaltend sehr zufrieden, da sich der Lehrer ausgiebig Zeit für mich nahm und die Schüler somit eine Freistunde erhielten. In dieser Stunde erfuhr ich die Geschichte über Otto Schott, wo Glasapparatebauer auf der ganzen Welt gesucht werden, bis hin zum jährlichen freien, kreativen Arbeiten in der Schule, einen Monat vor Weihnachten. Durch diese Begegnung änderte sich meine Meinung über Glasbläser grundlegend. Nach ca. einem Jahr Ausbildung, erkannte ich, dass sich mit dem Glasblasen für mich eine neue, unbekannte Welt auftun könnte. Transparentes Glas, das faszinierendste Material schlechthin, gestalterisch grenzenlos und wenig Konkurrenz. Die Leute kennen Trinkgläser, Christbaumschmuck oder vielleicht noch Laborgläser – doch bei unglaublich vielen anderen Ideen aus Glas, hat man die einzigartige Chance der Erste sein zu dürfen, der diese Idee in die Tat umsetzen kann. Viele innovative Glasbläser sind global miteinander vernetzt und ich bekam das Gefühl, eine neue Familie gefunden zu haben. So geht es mir bis heute – Chancen und Möglichkeiten ohne Ende – einzig der Faktor Zeit, der nicht alles zulässt und eine Spezialisierung fast notwendig macht. Schon während der Schulzeit erhielt ich immer wieder Aufträge, die ich im damaligen Rohbau unseres Wochenendhauses mit minimalstem Werkzeugaufwand erledigte. Ein amerikanischer Schweißbrenner für 100,- DM, eine Brille, eine Kohlenplatte und einen gebrauchten Töpferofen und ab ging die Massenproduktion von Schnapsstamperln und kleinen Flascheneinschmelzungen. Nach der vierjährigen Fachschule und zwei weiteren Jahren Aufbaulehrgang für Kunsthandwerk und Design hatte ich so viel Arbeit, dass ich sofort nach der Schule 1994 den Weg in die Selbstständigkeit wagte.

 

Aufgeschlossen für Ideen und Veränderungen

So habe ich z.B. den Schnapsstamperlauftrag vor drei Jahren nach über 100.000 Stück an meinen beruflichen „Ziehsohn“ Patrik Winkler übergeben, der nun in nahezu identischer Art und Weise meine beruflichen Stärken und persönlichen Schwächen teilt und auch seinen Weg erfolgreich und krisensicher als selbständiger Einmannbetrieb beschreiten kann. Hat man einmal eine Technik bis auf ein einzigartiges Niveau ausgereizt, wird man entdeckt werden. Wenn man, so wie ich, eher menschenscheu ist und sich bevorzugt auf die Produktion konzentrieren möchte, dann kann man Kooperationen mit Künstler oder Firmen eingehen, die sich bereits schon einen Namen erarbeitet haben, oder vielleicht schon Marktführer sind. Gerade die Oberklasse muss heutzutage permanent nachlegen und ist oftmals sehr dankbar für kreative Inputs von Außenstehenden.

 

Gern darf‘s auch mal ein bisschen mehr sein

Wichtig hierbei ist, dass man sich nicht zu billig verkauft. Grundvoraussetzung ist immer ein absolut geniales, einzigartiges Produkt. Dann darf der Preis schon mal „durch die Decke gehen“. Dies weckt dann zusätzlich das Interesse. Für alle Beteiligten bleibt schließlich genug vom Kuchen übrig und auch seinen Berufsstand leistet man einen großen Dienst, wenn es plötzlich heißt, dass lampengeblasene Objekte in Sphären hochklettern, die bisher nur aus Galerien für attraktive Studiogläser bekannt waren. Die Preisorientierungslatte wird hochgelegt und somit entsteht genug Platz im Zwischenraum für andere Berufskollegen, die vielleicht noch nicht ganz bei 100% angelangt sind. Die Krönung wäre natürlich ein neuerliches Überbieten mit vielleicht noch faszinierenderen Glasarbeiten anderer Berufskollegen. Wichtig wäre, dass sich die Preisspirale noch oben bewegt, denn unsere Kosten bewegen sich ja auch nur in diese eine Richtung. Auch Glasauktionen können den Bekanntheitsgrad steigern. So geschehen 2003, als bei einer GAS Auktion (GlassArtSociety) in Seattle der Plasmakünstler Ed Kirshner meine 70cm große „US-Vampire“-Flasche ersteigert hatte.


Es entstand eine Freundschaft und ein neues Standbein, die Plasmatechnik, welche meine Leidenschaft zu Flascheneinschmelzungen ablöste. Seit mittlerweile 15 Jahren versuche ich mit der Plasma-Neontechnik neue Limits zu setzen. Alles jedoch ohne Zwang und Zeitdruck. Alle kreativen Arbeiten, die z.B. auf meiner Webseite www.weinmayer.at zu sehen sind, wurden in meiner „Freizeit“ gefertigt

inside, 2018, collab mit daniel firman, 187cm, foto: christoph ascher

 
Zuletzt noch ein guter Tipp, den ich von Rudi Gritsch, einem damaligen Lehrer in der Glasfachschule bekommen habe – schaue über den Tellerrand und entdecke die wahren blühenden Zentren unserer Berufssparte. Meist handelt es sich dabei um junge, unvoreingenommene Bewegungen, die einen „über die Schulter schauen“ und einen kreativen Austausch zulassen und diese Offenheit als Überlebensstrategie erkannt haben. Institutionen wie GAS (GlassArtSociety) und das VDG-Netzwerk können hierbei sehr hilfreich sein.
Übrigens – dass Glasbläser früher sterben ist ein Mythos und wird oftmals im Volksmund mit dem Beruf der Glasmacher verwechselt. Nimmt man die empfohlenen Arbeitsschutzmaßnahmen ernst, kann ich unsere Berufsgruppe nicht als besonders risikogefährdet erkennen. Ok – die Augen werden schlechter, aber das geht wohl den meisten Menschen ab 40 so. Und welcher Beruf ist schon gesund. Die Freude am Buckeln und täglich größer werdende Routine machen diese kleinen Wehwehchen locker wett. Also – keep hot and flame on!
Bernd 

Krisenstrategie

Mir war immer besonders wichtig, dass ich mein eigener Chef sein darf. Ich wollte niemals unterschätzt und gar dauerhaft für einfache Tätigkeiten eingespannt werden. Ein Arbeitsverhältnis, geprägt durch mangelnde Weiterentwicklungs- und Aufstiegsmöglichkeiten. Nein, es gab für mich nie die Option eines Angestelltenverhältnisses! So war es auch mit meinem Wehrdienst, den ich für Deutschland verrichten hätte müssen. Ich wollte mit allen Mitteln verhindern, dass meine kindliche Kreativität und meine Leichtigkeit in irgendeiner autoritären Form beschnitten werden. Darum meldete ich in Mariastein, im Ferienhaus meiner Eltern meinen Hauptwohnsitz an und verzichtete auf eine Einreise nach Deutschland. Somit wurde ich trotz positiver Musterung für das deutsche Bundesheer „unbrauchbar“. Warum erwähne ich das in diesem Zusammenhang? Die Einzigartigkeit, die Vielfalt und Unterschiedlichkeit aller Menschen sichert maximale Krisensicherheit, da jeder für sich in seinem naturgegebenen, geistigen Universum Lösungsansätze zur Krisenbewältigung zurechtlegt. Wäre diese Mentalität in einer großen Masse möglich, wären unzählige sicherlich auf dem Holzweg, aber ein paar wenige würden Strategien entdecken, die dann auch von den anderen angenommen und zur erfolgreichen Krisenbewältigung beitragen würde. Wir leben jedoch in einer Zeit der Gleichschaltung und Monopolisierung. Das Leben scheint gerade heute für junge Leute perspektivenlos, obwohl Ausbildungsmöglichkeiten und Berufsauswahl so günstig und vielfältig wie noch nie sind. Also Mut zur Selbstständigkeit. Als eigener Chef bestimmt man selbst was man arbeitet, wieviel man arbeitet und wieviel man dabei verdienen möchte. Dies sind die Grundvoraussetzungen um enorme Leistungsfähigkeit zu entwickeln und maximal gegen Burnout gewappnet zu sein.
 

Mein Werdegang als Kleinunternehmer

Die ersten Jahre als selbständiger Unternehmer waren natürlich hart. Wir sind im kunsthandwerklichen Bereich tätig. Man lernte täglich durch eigene Fehler hinzu und dieser Prozess besteht auch heute noch, nach 30 Jahren Berufserfahrung. Irgendwann kann man das Entstehen von Glasspannung im Körper spüren, was letztendlich über Erfolg und Misserfolg entscheidet. Allein der Gedanke, dass man Jahr für Jahr sein Können durch Übung erweitern kann schenkt viel Freude und Kraft für die Zukunft. Was muss sich da ein Profisportler denken, der vielleicht schon mit 30 Jahren merkt, dass sein Körper eigentlich zum alten Eisen gehört?
Und für mich war vor allem in den Anfangsjahren der Kontakt zu anderen Glasbläserbetrieben sehr wichtig, um in Erfahrung zu bringen, wie eine professionell ausgestattete Werkstatt eingerichtet sein muss und welche Grundtechniken für ein rationelles Arbeiten essenziell sind. Man darf niemals glauben, dass die in den Glasschulen gelehrten Techniken wirklich der Weisheit letzter Schluss sein müssen. All meine fünf größten Glasbläser-Vorbilder (Kondo/Japan, Zinner/Lauscha, Salt, Eusheen und Buck/alle USA) haben niemals eine Glasschule besucht, sondern ihre eigenen Techniken autoditaktisch entwickelt und soweit perfektioniert, dass sie derzeit die Meister ihres Technikbereiches darstellen. Glasfachschulen sind sicherlich eine sehr gute Basis, jedoch wird man sich danach nur von der Masse hervorheben, wenn man auch den Mut aufbringt neue Wege zu beschreiten.
Die ersten 5 Jahre meiner Selbständigkeit wurden mangels Aufträgen gepflastert mit Arbeiten, die in meinem Kopf entstanden und für mich das damalige machbare Limit darstellten. Dieses Limit wurde von Arbeit zu Arbeit permanent höhergesteckt.  Meine damaligen Schädel und Skelette waren oft unverkäufliche Teile und sind auch heute noch gern mal Ladenhüter. Trotzdem wird der 101ste Schädel höchstwahrscheinliche besser sein als der 100ste. Übung macht den Meister. Mein Ansporn sind die Verwirklichung von teils schon lange im Kopf vorhandenen Ideen, die je nach Schwierigkeitsgrad manchmal Jahre bis zur Umsetzung warten müssen. Funktionalität und komplexe Technikkreisläufe (Plasmalicht), verpackt in einem faszinierenden Design sind mein Hauptaugenmerk.  

 

Mein Tagesgeschäft

ist und bleibt der solide Glasapparatebau in besonderen Nischengebieten, die mir den Luxus für all diese „Freizeitspielereien“ finanziert. Mittlerweile ist der zeitliche Anteil von kreativen Arbeiten über 60% angewachsen und somit entsteht für mich ein krisensicheres Fundament, aufbauend auf mehreren Arbeitstechniken. Denn eines ist klar – die Produktlebenszyklen werden immer kürzer und der Erfolg in diesem Jahr ist noch lange keine Erfolgsgarantie fürs kommende Jahr. Früher waren große Firmen Garant für einen sicheren Arbeitsplatz. Heute sind große Arbeitgeber meist unflexibel, sehr spezialisiert und ein Arbeitnehmer oft eine austauschbare Nummer. Ein guter Apparatebauer ist aber nicht so leicht ersetzbar und wenn dieser noch als flexibler Einzelkämpfer erfolgreich ist, dann wird ihn eine Coronakrise vielleicht auf eine zeitlich begrenzte „Finderphase“ zurücksetzen, jedoch niemals arbeitslos machen. Wir produzieren endlos haltbare Mehrwegprodukte und sind somit die perfekte Antwort auf Fragen zur Klima- und Coronakrise.

 70cm große „US-Vampire“-Flasche

ray hammer, 2012, collab mit roor, 70cm, foto christoph ascher

Covid Virus, gefertigt von Bernd Weinmayer. Fotonachweis: Christoph Ascher

 

 

 

 

 

 

 

                                                        Zum Artikel auf Englisch

 

Ian Barnes ist Der Inhaber des Englischen Institutes in Tirol. Dieser Artikel wurde von ihm ins Englische übersetzt und kann somit in Deutsch und Englisch auf der Homepage gelesen werden. Wir danken Ian Barnes und Bernd Weinmayer für die freundliche Unterstützung.

Zum Artikel auf englisch

VDG-Nachrichten


Herausgeber
Verband Deutscher Glasbläser e.V., Karlstr. 7, D-48268 Greven

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vierteljährlich im März, Juni, September und Dezember (Sonderausgabe nach Bedarf)

Format
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Der Mitgliedsbeitrag beinhaltet den Bezug der VDG-Nachrichten; Bezugspreis für Nichtmitglieder: 13,50 €.

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